Die Wilhelmstraße: Vom Halleschen Tor zum Brandenburger Tor

Wieder eine geschichtsträchtige Straße, vielleicht die bedeutendste der jüngsten Vergangenheit Berlins: die Wilhelmstraße. Eine Straße im Wandel der Zeiten voller Spannung und höchst interessanten Sehenswürdigkeiten, einst getrennt durch die Mauer, ist sie heute der Weg in das Herz der Hauptstadt.

Die Route
Beginnen Sie Ihre Entdeckungstour am U-Bahnhof Hallesches Tor, den Sie mit den U-Bahnen U1 oder U6 erreichen. Nehmen Sie den Ausgang „Willy-Brandt-Haus“, denn genau dort beginnt die Wilhelmstraße. Oder Sie nehmen vom Hauptbahnhof oder Potsdamer Platz den Bus M41 bis zur Haltestelle „Willy-Brandt-Haus“.

Willy-Brandt-Haus
Im „Willy-Brandt-Haus“ selbst kann man nicht nur ein Mittagessen für fünf Euro bekommen, sondern auch eine der zumeist sehr interessanten Wechselausstellungen besuchen, in die man jedoch ohne Personalausweis gar nicht reinkommt, dafür sind die Ausstellungen allerdings kostenlos. Dieser gläserne Bau ist die Machtzentrale der SPD, hier sitzt deren Spitze. Wer Lust hat, kann montags zwischen 9.30 und 10 Uhr am Eingang Stresemannstraße die Vorfahrt der SPD-Prominenz beobachten – erwartet immer von einem Pulk Pressevertreter.

Das „Tommy-Weissbecker Haus“ in der Wilhelmstraße 9
Ein altes Gebäude verteidigt sich erfolgreich gegen die moderne Stadtentwicklung in Berlin-Kreuzberg und bildet einen starken Kontrast zum „Willy-Brandt-Haus“, das genau auf gegenüber liegt. Man sollte deshalb die Wilhelmstraße auf der rechten Straße begehen und die tollen Grafittis bestaunen und fotografieren. Das Haus ist nach Tommy Weissbecker benannt, einem Anarchisten, der von der Polizei im März 1972 erschossen worden war. Zahlreiche Räume stehen heute sozialen und gemeinschaftlichen Projekten zur Verfügung: Das Café „LINIE 1“ ist ein Treffpunkt für die musikalische Undergroundszene in Berlin, weshalb es Proberäume für Bands und einen Veranstaltungssaal gibt. Die sogenannte „Kiez Cuisine“ stellt kostenloses Essen für obdachlose Jugendliche bereit.

In türkischer Hand
In den vielen Wohnblocks am Anfang der Wilhelmstraße leben überwiegend ausländische Berliner, vor allem Türken, aber auch unzählige andere Nationalitäten. Dies alles kann man an den vielen kleinen Geschäften auf der rechten Seite der Wilhelmstraße sehen. Außer der Hölderlin-Apotheke an der Ecke Hedemannstraße ist alles bis zur Kochstraße von ausländischen Mitbürgern geprägt. Bemerkenswert allerdings auf der linken Straßenseite das Buchgewerbehaus Lüderitz & Bauer in der Wilhelmstraße 118.

Das Buchgewerbehaus
Dieses Haus entstand 1911 und erhielt eine Jugendstilfassade. Hinter dem Hauptgebäude wurden drei Höfe angelegt. Nach der Zerstörung von großen Teilen des Buchgewerbehaus im Zweiten Weltkrieg, wurde das Vorderhaus nicht wieder aufgebaut. Heute zeigt ein Wandbild an einer Brandmauer den früheren Eingang. Die Firma Lüderitz & Bauer war 1888 gegründet worden und zog 1911 in das für sie erbaute Buchgewerbehaus. Sie gehörte zu den Pionieren der industriellen Buchproduktion. Das Gebäude wurde aber auch weitervermietet, so auch an die Pianofabrik Gebr. Schwechten.

Topografie des Terrors
Wir bleiben nun auf der linken Straßenseite, kommen zur Kochstraße, die auf der rechten Straßenseite beginnt und direkt zum „Checkpoint Charly“ führt. Jetzt sind wir an der Gedenkstätte. Noch ist der Neubau der „Topografie des Terrors“ von Zäunen umgeben, aber am 7. Mai wird die Erinnerungsstätte an Verbrechen während der Nazizeit wieder eröffnet.

Der Fesselballon und Trabi-Safari
Wer hoch hinaus will oder mit einem Trabi durch Berlin fahren will, muss nun wieder auf die rechte Straßenseite wechseln und bis zur Zimmerstraße gehen. Unübersehbar ist der riesige Fesselballon, Völlig geräuschlos steigen Sie in einer Gondel auf eine Höhe von 150 Metern - natürlich gesichert durch ein extrem belastbares Stahlseil. In dieser Höhe schweben Sie über Berlin und haben in jeder Himmelsrichtung eine unschlagbare Aussicht. Bei zu starkem Wind startet er aber nicht.

Öffnungszeiten: April bis Oktober, täglich von 10 bis 22 Uhr - November bis März täglich von 11 bis 18 Uhr. Die Ticketpreise allerdings sind gesalzen: Preis pro Person 19 Euro, ermäßigt immer noch 13 Euro, Kinder von 3 bis 6 Jahren 3 Euro. Für Rollstuhlfahrer geeignet!

Trabi-Safari viel zu teuer
Gleich daneben, an der Wilhelmstraße, stehen als Touristenattraktion zahlreiche Trabis, teilweise sogar als Cabrio. Auch hier muss man tief in die Tasche greifen, und man darf nur im Konvoi fahren. 79 Euro pro Person bei 3 bis 4 Personen im Trabi für zwei Stunden sind wahrlich nicht ohne.

Das Bundesministerium für Finanzen
Entworfen von dem Architekten Ernst Sagebiel diente das unübersehbare Gebäude bis 1945 als Reichsluftfahrtministerium des NS-Regimes und war die Machtzentrale Hermann Görings. Es ist das markanteste Relikt des einstigen Regierungsviertels an der Wilhelmstraße und mit über 2000 Räumen Europas größtes Bürohaus. Nach dem Krieg wurde es als Haus der Ministerien von verschiedenen DDR-Behörden genutzt, 1990 zog für einige Jahre die Treuhand-Anstalt ein, nach deren ermordetem Vorsitzenden das Haus seinen heutigen Namen trägt. Seit 1999 ist es der Sitz des Bundesfinanzministeriums, Wilhelmstraße 97.
Der vier- bis siebengeschossige Bürokomplex entstand um drei Innenhöfe und vier Höfe herum, die sich nach hinten zu einem älteren Park hin öffnen. Der Haupteingang liegt in einem Ehrenhof an der Wilhelmstraße, er ist gleichzeitig Symmetrieachse. Das Wandbild von Max Lingner wurde bei der Umgestaltung des Gebäudes erhalten. Nähere Informationen kann man auf Info-Tafeln nachlesen.

Auf dem Weg zum Boulevard „Unter den Linden“ und zum Brandenburger Tor
Man überquert vom Finanzministerium aus die Leipziger Straße, links erkennt man den Potsdamer Platz. Ein Stück weiter liegt an der rechten Straßenseite das futuristische Gebäude der Botschaften von Tschechien und Südkorea, Wilhelmstraße 44. Noch ein Stück weiter sieht man auf der rechten Seite, Wilhelmstraße 54, die Berliner Vertretung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, das offiziell seinen Sitz immer noch in Bonn hat.
Wir gehen weiter und überqueren die Behrenstraße. Ab hier ist die Wilhelmstraße für den Autoverkehr gesperrt. Wuchtige Poller versperren die Zufahrt, denn auf der linken Seite wird die Botschaft des Vereinigten Königreichs besonders geschützt.

Danach erreicht man die Straße „Unter den Linden“ und biegt am Hotel Adlon links ab zum Pariser Platz und zum Brandenburger Tor.

Man benötigt für die Wilhelmstraße etwa 1,5 Stunden.
Bitte beachten: Die Wilhelmstraße ist links und rechts gespickt mit sehr informativen Tafeln, die Auskunft über diese geschichtsträchtige Straße geben.