Kunsthaus „Tacheles“ - ein einmaliges Gesamtkunstwerk

Es ist eines der renommiertesten Denkmäler der einst so gewaltigen Berliner Szene der Hausbesetzungen – und eines der erfolgreichsten überhaupt. Das „Tacheles“ ist heute ein Institution mit einem anerkannten Ruf für kulturelle Arbeit weit über Berlin hinaus. Im Januar 2009 schien das Ende des „Tacheles“ gekommen, als der Zwangsverwalter des insolventen Besitzers das Gebäude räumen lassen wollte.

Und es sind gleich mehrere Streits, die hier an der Oranienstraße schwelen. Da ist zuerst der Investor. Vor zehn Jahren hat die Fundus-Gruppe, der auch das Adlon gehört, das Gelände samt Immobilie vom Bund für 2,8 Millionen Euro gekauft. Der daraufhin geschlossene Mietvertrag ist Ende letzten Jahres ausgelaufen. Doch verwaltet wird das Haus derzeit von einem Hamburger Rechtsanwaltsbüro. Es steht unter Zwangsverwaltung. Das hat die HSH-Nordbank als Gläubigerin der Fundus-Gruppe beantragt. Vom Zwangsverwalter kam auch die Räumungsforderung. Die konnte man vorerst jedoch mit einem juristischen Trick verhindern.

Das „Tacheles“ und seine unglaubliche Geschichte
Das internationale Kunsthaus „Tacheles“ (jiddische Bezeichnung für „Klartext reden“) in der Ruine des 1907-1709 nach Plänen von Franz Ahrens errichteten ehemaligen Passagen-Kaufhauses, der sog. Friedrichstraßen-Passage, die die Oranienburger Straße mit der Friedrichstraße verband, wurde im Februar 1990 in Folge einer Besetzung des abrissgefährdeten Gebäudes durch rund 50 Künstler aus beiden Teilen der Stadt gegründet.

Die Besetzung und ihre Gründe
Die Intentionen der Besetzer richteten sich vorrangig auf die Einstellung der bereits begonnenen Abrissarbeiten sowie die Anerkennung des Denkmalwertes. Daneben entstanden in dem auch als „Puppenstube“ bezeichneten, an seiner Rückseite teilweise offenen Haus ab März 1990 die ersten Ateliers, internationale Veranstaltungen wurden organisiert und die erste Werkschau von „Tacheles“-Künstlern präsentiert.

1990: Rettung in letzter Sekunde
Am 24. April 1990 wurde der Verein „Tacheles“ e.V. Kunsthaus ins Leben gerufen, der eine langfristige Trägerschaft für den ruinösen Bau anstrebt. Nachdem ein auf Mai 1990 festgesetzter Sprengtermin in letzter Sekunde abgewendet werden konnte, gab die Künstlerinitiative die Erstellung neuer Gutachten über den Zustand des Gebäudes in Auftrag, deren positive Befunde schließlich Anfang 1992 zur Bestätigung der Denkmalwürdigkeit führte.

„Tacheles“ – ein Gesamtkunstwerk
Heute vereinigt das „Tacheles“ als eine Art Gesamtkunstwerk auf rund 6000 Quadratmeter nutzbarer Fläche 25 Ateliers inklusive Galeriebetrieb, die von einem „Atelier-Gremium“ projektbezogen auf Zeit vergeben werden, einen 325 Quadratmeter großen Theatersaal im ersten Stock, das an die Tradition des legendären gleichnamigen DDR-Programmkinos in der Oranienburger Straße anknüpfende Kino „Camera“ im zweiten Obergeschoss, Werkstätten für Holz- und Metallverarbeitung, eine Siebdruckwerkstatt, ein Fotolabor, digitale Werkstätten, den multifunktionalen Blauen Salon im fünften Obergeschoss, dem mit 420 Quadratmeter größten Raum des „Tacheles“, sowie eine Freifläche, die seit Anfang 1993 in einen sich ständig verändernden Skulpturenpark umfunktioniert wurde.

Ein herrliches Freiluft-Gelände
An der Südseite des „großen Freilichtateliers“ befindet sich ein Gartenhaus, das den 1995 gegründeten „Club für Gärtner und Sympathisanten“ beherbergt. Im Sommer 1990 eröffnete das von den Materialien Eisen, Schiefer und Marmor geprägte „Café Zapata“ im Erdgeschoss des Hauses, in dem ebenfalls kulturelle Veranstaltungen stattfinden, wo es aber auch ein gutes Essen gibt.

Selbstverwaltung – die „Verfassung“ des „Tacheles“
Die Organisationsstruktur des „Tacheles“ basiert auf dem Prinzip der Selbstverwaltung. Wöchentlich findet eine Arbeitssitzung statt, bei der die einzelnen Bereiche und Projekte des Hauses koordiniert werden. Die Mitgliedervollversammlung wählt einmal jährlich den Vorstand des Vereins und tritt bei wichtigen Detailfragen zusammen. Der relativ hohe Eigendeckungsgrad wird durch ein Wirtschaftskonzept gewährleistet, bei dem der kommerzielle Betrieb (Café, Kino, Verträge, Copyrights, Tourismus etc.) den defizitären Atelier, Kunst und Kulturbetrieb mitfinanziert.

Immer Ärger mit den Nachbarn
Da der Gebäudekomplex südlich der Spandauer Vorstadt unweit des Regierungsviertels liegt, befinden sich die Betreiber des „Tacheles“ seit Jahren in Auseinandersetzungen mit potentiellen Investoren um die zukünftige Nutzung der Immobilie. Ein Vorschlag zur „Integration“ des Kunsthauses in einen künftigen kommerziellen Dienstleistungskomplex wurde von der Mitgliedervollversammlung einstimmig abgelehnt, da hierdurch eine vom Investor unabhängige Kulturarbeit als nicht mehr möglich erachtet wird.

Das „Tacheles“ - arm, aber sexy
Über die Jahre seiner Existenz ist das Kunsthaus „Tacheles“ zu einem komplexen Gesamtkunstwerk gewachsen. Dafür spricht, dass weit über Berlin hinaus das Kunsthaus „Tacheles“ ein Symbol für die Situation des wiedervereinigten Berlins und den Aufbruch in eine frische, von merkantilen Gesichtspunkten weitgehend befreite künstlerische Gegenwart geworden ist. Das Kunsthaus „Tacheles“ steht als Teil des Images eines neuen, um Profil ringenden, künstlerisch freien Berlins international hervorragend da.

Es zu beschreiben ist nicht einfach, deshalb sollte man sich von den folgenden Fotos inspirieren lassen. Das„Tacheles“ muss man gesehen haben.
 

Adresse
„Tacheles“, Oranienburger Straße 54-56a, 10117 Berlin (Mitte)
Anfahrt
Am besten mit der U6 bis zu Station „Oranienburger Tor“, dort beginnt die Oranienburger Straße. Vom Hackeschen Markt ist das „Tacheles“ in etwa 15 Minuten zu Fuß zu erreichen.
Weitere Infos: www.tacheles.de - www.cafe-zapata.de