Museum der Dinge

Berlin Tipps
31.07.2009 >> Berlin News und Veranstaltungen >> Berlin Tipps

„Museum der Dinge“: Sonder-Ausstellung „Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks“
Aus der Ankündigung des „Museums der Dinge“:
"Wollen wir erkennen, worin der gute Geschmack besteht, müssen wir zuerst den schlechten Geschmack beseitigen."
 

Mit diesem Ziel eröffnete der Museumsdirektor Gustav E. Pazaurek 1909 im Stuttgarter Landesgewerbemuseum seine "Abteilung der Geschmacksverirrungen". Er entwickelte dafür eine komplexe Systematik zur Einordnung von Gestaltungsfehlern aller Art, um sie am Gegenstand selbst zu entlarven. Entsprechend der Philosophie des Deutschen Werkbunds ging Pazaurek von einem starken Einfluss der Dinge auf den Menschen aus, im ästhetischen wie ethisch-moralischen Sinne.
 

Für seinen Fehlerkatalog bediente er sich einer drastischen Nomenklatur, die heute zu Recht befremdet. Die strafrechtlichen Kategorien, mit denen Pazaurek die Dinge etikettierte, lesen sich wie eine Metaphorik des Bösen. Die Bösartigkeit der Dinge bezieht sich dabei nicht auf Taten, die mit ihnen ausgeführt werden könnten, nicht auf ihren Zweck oder ihren Zeichencharakter, sondern auf das Böse bzw. Schlechte, das sich in ihrer Ausführung, Gestaltung und in ihrer Funktionsfähigkeit manifestiert.

Die Ausstellung versucht erstmals eine Rekonstruktion der "Abteilung der Geschmacksverirrungen" und zeigt über 50 Leihgaben aus der Originalsammlung des Landesmuseums Württemberg. Darüber hinaus nimmt sie Pazaureks Systematisierung als Ausgangspunkt, um aktuelle Gestaltungstendenzen zu untersuchen. Eine Auswahl zeitgenössischer Produkte – von der Massenware bis zum Designerstück – wird deshalb den historischen Objekten gegenübergestellt.

 

Im Zeitalter des Stilpluralismus scheint es heute unmöglich, eindeutige Kriterien des "guten" oder "schlechten" Geschmacks auszumachen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch erstens, dass Pazaureks Richtlinien unverändert auf zahllose zeitgenössische Gegenstände anwend-bar sind, bei denen dabei gleichzeitig ein spielerischer und ironischer Umgang mit Gestaltung erkennbar wird und zweitens, dass moralische Kriterien im Zusammenhang mit einem neuen Konsumentenbewusstsein wieder wichtig werden. Jedoch sind heutige "Verbrechen" den Dingen nicht in erster Linie anzusehen, weil sie sich nicht in der Konstruktion, dem Material oder dem Dekor offenbaren, sondern im Kontext von sozialen, ökonomischen und ökologischen Faktoren liegen. Pazaureks Fehlerkatalog wird deswegen um neue Kategorien ergänzt.

Im letzten Teil der Ausstellung wird der Besucher eingeladen im Spannungsfeld zwischen dem Spielerischen und dem Moralischen seine eigenen "bösen" Dinge einzuordnen und die Enzyklopädie fortzuschreiben.
Die Sonder-Ausstellung „Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks“ ist noch bis 30. November zu sehen.
 

  

Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstraße 25, 10999 Berlin-Kreuzberg
Öffnungszeiten: Freitag bis Montag von 12 bis 19 Uhr
Weitere Informationen auf www.museumderdinge.de
Anfahrt: Mit der U1 bis Kottbusser Tor, dann die Adalbertstraße entlang, an der Oranienstraße rechts abbiegen, auf der linken Straßenseite befindet sich das Museum, Hausnummer 25.

 

zuletzt geändert: 29.07.2009 um 22:55


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